Profitieren wirklich alle? Aktive Fonds und Lebensversicherungen
Erschienen im Standard im Februar 2026
Die erfolgreichsten Finanzprodukte Europas sind oft jene, über deren Ergebnisse am wenigsten gesprochen wird. Lebensversicherungen, aktiv gemanagte Fonds und komplexe Mischprodukte verwalten Billionen, sichern Provisionen, füllen Vertriebsstatistiken – und enttäuschen über Jahrzehnte hinweg ihre Kundinnen und Kunden. Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Muster, das sich quer durch den europäischen Finanzmarkt zieht.
Während sich global eine stille Verschiebung vollzieht – weg von teuren, aktiven Konstruktionen hin zu einfachen, transparenten Anlageformen –, hält sich im deutschsprachigen Raum ein Finanzmodell erstaunlich hartnäckig: jenes, bei dem Vertrieb, Verwaltung und Produktlogik gut verdienen, die reale Rendite nach Kosten jedoch oft enttäuschend bleibt.
Ein Blick auf die Zahlen – und auf das System dahinter
Der europäische Fondsmarkt ist groß, aber träge. In Österreich waren Ende 2024 rund 1.937 ETFs zum Vertrieb zugelassen, kein einziger davon mit österreichischer ISIN (Anm.: Kennnummer für Wertpapiere). Gleichzeitig liegt der ETF-Anteil am gesamten Fondsvermögen bei lediglich 12 Prozent – nach rund 8 Prozent im Jahr 2022. Das entspricht zwar einem Wachstum von 50 Prozent in nur drei Jahren, doch im internationalen Vergleich bleibt Österreich klar zurück.
Zum Vergleich: In den USA sind ETFs längst das dominierende Vehikel für langfristige Geldanlage. In Europa wächst der Markt zwar dynamisch, doch er stößt auf ein etabliertes Ökosystem aus Banken, Versicherungen und Vertriebsstrukturen, deren Geschäftsmodell auf Komplexität beruht – nicht auf Effizienz. Besonders deutlich zeigt sich das bei klassischen Lebensversicherungen. Analysen zeigen zahlreiche Fälle, in denen über Jahrzehnte eingezahlte Beiträge real kaum Vermögenszuwachs brachten – trotz positiver Kapitalmarktentwicklung. Die Skepsis trifft nicht nur einzelne Anbieter, sondern das gesamte System. Das Vertrauen ist verwundet – und das zeigen auch die Zahlen. Die Stornoquote sinkt nicht etwa, sie steigt. In Deutschland gehen Schätzungen davon aus, dass rund 70 Prozent aller Lebensversicherungsverträge vorzeitig beendet werden. In Österreich sieht es kaum besser aus. Gewinner waren vor allem Abschlussvermittler, Produktanbieter und Verwaltungseinheiten. Für viele Versicherte blieb am Ende Ernüchterung statt Altersvorsorge.
Aktives Management: Anspruch und Realität
Aktiv gemanagte Fonds versprechen seit jeher mehr als sie halten. Sie sollen Märkte schlagen, Risiken steuern und Chancen erkennen, bevor sie offensichtlich werden. Die empirische Realität fällt nüchtern aus: Laut den regelmäßig veröffentlichten SPIVA-Studien von S&P Dow Jones Indices unterliegt die Mehrheit der aktiv gemanagten Fonds ihre jeweilige Benchmark (= Durchschnitt) – nicht punktuell, sondern über Zeiträume von zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren. Dies bedeutet, dass Anleger Geld auf der “Straße” lassen. Dennoch werden aktive Fonds aufgrund von hauseigenen Produkten, mangelnder Unabhängigkeit und provisionsgetriebenem Verkauf immer noch “hochgehalten”.
Das ist kein Versagen einzelner Fondsmanager, sondern ein mathematisches Problem: Nach Kosten muss der Durchschnitt schlechter sein als der Markt. In Europa liegt die Gesamtkostenquote aktiver Aktienfonds oft bei 1,5 bis zu 3 Prozent pro Jahr, bei ETFs häufig unter 0,3 Prozent. Hinzu kommt, dass neben den hohen Kosten, die Mehrheit der aktiven Fonds auch geringere Renditen erzielen. Über Jahrzehnte entscheidet dieser Unterschied über Zehntausende Euro. Und dennoch bleiben aktive Fonds ein Vertriebsschlager – vor allem dort, wo Beratung provisionsgetrieben ist.
Die stille Revolution der Passiven
Global betrachtet vollzieht sich seit Jahren eine leise, aber tiefgreifende Veränderung. Laut ETFGI, einer unabhängigen Research-Firma, flossen 2025 weltweit rekordhohe 2,04 Billionen US-Dollar netto in ETFs. Das weltweit in ETFs investierte Vermögen erreichte 19,44 Billionen Dollar. Europa verzeichnete Rekord Zuflüsse von 396,84 Milliarden Dollar, was die europäischen ETF-Assets auf ein Allzeithoch von 3,22 Billionen Dollar trieb.
Diese Entwicklung ist keine Modeerscheinung, sondern Ausdruck eines veränderten Verständnisses von Geldanlage: weg vom Versprechen der Überlegenheit, hin zur Akzeptanz des Marktes – und zur Reduktion vermeidbarer Kosten.
Gleichzeitig bringt dieser Erfolg neue Herausforderungen mit sich. Die Zahl neuer ETFs ist zuletzt stark gestiegen, nicht jeder davon erfüllt einen klaren Zweck. Themenfonds, Trendprodukte und hochspezialisierte Konstruktionen ersetzen zunehmend Einfachheit durch Storytelling. Auch hier gilt: Je komplexer das Produkt, desto höher das Risiko, dass es eher den Anbieter als die Anleger begünstigt.
Der europäische Markt unterscheidet sich fundamental vom amerikanischen. Kapitalmärkte sind fragmentierter, die Aktienkultur schwächer ausgeprägt, Immobilien und Versicherungen gelten vielerorts noch immer als primäre Vorsorgeinstrumente. Hinzu kommt ein regulatorisches Umfeld, das zwar schützt, aber oft auch bestehende Strukturen konserviert.
Dass kein einziger ETF mit österreichischer ISIN existiert, ist sinnbildlich: Wertschöpfung findet anderswo statt, während Vertrieb und Beratung lokal verankert bleiben. Das erklärt auch, warum Lebensversicherungen und fondsgebundene Produkte weiterhin dominieren – trotz ihrer oft enttäuschenden Nettorenditen.
Ein Markt im Umbruch – langsam, aber unumkehrbar
Die Entwicklung auf dem österreichischen Markt zeigt, dass das Zeitalter, in dem Kunden klaglos Gebühren für unterdurchschnittliche Verzinsungen und Renditen zahlten, dem Ende zugeht. Nicht revolutionär, nicht über Nacht – aber nachhaltig. Die zentrale Frage ist dabei weniger, welches Produkt “das beste” ist, sondern wem ein Produkt strukturell nützt.
Die Steigerung des ETF-Anteils um 50 % in nur drei Jahren ist ein klares Signal. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen: Solange komplexe Lebensversicherungen und teure Hausfonds die Beratungsgespräche in den Filialen dominieren, profitieren weiterhin primär die Institutionen. Dort, wo Kosten niedrig, Strukturen transparent und Interessen klar ausgerichtet sind, steigen die Chancen auf faire Ergebnisse. Dort, wo Komplexität, Intransparenz und Vertriebsanreize dominieren, profitieren erfahrungsgemäß viele – nur nicht jene, deren Geld investiert wird.
Die stille Revolution der Kapitalanlage ist längst im Gang. Ob sie sich auch in Österreich vollständig durchsetzt, hängt weniger von Märkten als von Strukturen ab – und von der Bereitschaft, alte Gewissheiten zu hinterfragen… (Bernhard Führer, 7.2.2026)

