Sinnvoll Geld anlegen: passive Investments in der Fondslandschaft
Erschienen im Standard, im August 2025
Wie ETFs die Fondsbranche umkrempeln und wie aktive Manager reagieren
Eine tektonische Verschiebung durchzieht die europäische Vermögensverwaltung. Während traditionelle Fondsmanager noch vor wenigen Jahren die unumstrittenen Könige des Kapitalmarkts waren, erobern börsengehandelte Indexfonds (passive Fonds) mit beispielloser Geschwindigkeit Marktanteile. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der europäische ETF-Markt erreichte 2023 mit über 1,8 Billionen Dollar verwaltetes Vermögen einen Rekordwert bei einem Wachstum von 28 Prozent, während das Gesamtvolumen bis Ende 2024 auf nahezu 2,3 Billionen US-Dollar anstieg.
Ein Markt im Wandel: Wenn David Goliath herausfordert
Passive Fonds bringen in der Regel höhere Renditen und sind kosteneffizienter. Über 20 Jahre hinweg erzielten rund 90 Prozent der aktiven Fonds inferiorere Renditen als Indexfonds beziehungsweise ETFs. Dennoch wird ein Großteil des Vermögens in Österreich in aktive Fonds investiert. Warum ist das so? Weil Banken und andere Finanzinstitutionen mehr an aktiven Fonds verdienen, häufig nicht unabhängig sind und passive Fonds den Kunden zumeist erst gar nicht angeboten werden. Die Dominanz passiver Strategien schreitet jedoch voran und manifestiert sich nun nicht nur in abstrakten Zahlen. Ein Blick auf die Marktführer zeigt das Ausmaß dieser Transformation. Bei der deutschen DWS, einem der traditionellen Schwergewichte der aktiven Verwaltung, stieg der Anteil passiver Produkte am verwalteten Vermögen von 23 Prozent im Jahr 2020 auf über 33 Prozent. Noch dramatischer: Fast 42 Milliarden Euro flossen 2024 allein in die passive Sparte der DWS-Tochter Xtrackers.
Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf einzelne Anbieter. Im ersten Quartal 2024 führte iShares mit 14,1 Milliarden Euro Zuflüssen, gefolgt von Xtrackers mit 8 Milliarden Euro und Amundi mit 5 Milliarden Euro. Die Botschaft ist eindeutig: Anleger votieren mit ihren Füßen für kostengünstige, transparente Lösungen.
Die Anatomie einer Branchenrevolution
Was macht ETFs so unwiderstehlich? Die Antwort liegt in einem perfekten Sturm aus niedrigen Kosten, maximaler Transparenz und unschlagbarer Liquidität. Während aktive Fonds oft Verwaltungsgebühren von 1,5 bis zu 4,0 Prozent jährlich verlangen, bewegen sich ETFs häufig im Bereich von 0,1 bis 0,7 Prozent. Bei einem Investment von 100.000 Euro bedeutet dies einen Kostenunterschied von bis zu 2.400 Euro jährlich – ein Betrag, der über Jahrzehnte hinweg Portfolios fundamental verändert.
Die Transparenz verstärkt diese Attraktivität zusätzlich. Während aktive Fonds ihre Positionen oft nur quartalsweise preisgeben, können ETF-Investoren täglich einsehen, in welche Titel ihr Geld fließt. Diese Klarheit schafft Vertrauen in einer Zeit, in der Anleger zunehmend skeptisch gegenüber intransparenten Finanzprodukten werden.
Aktive ETFs: Der Rettungsanker der Traditionellen
Angesichts dieser Herausforderung greifen traditionelle Asset Manager zu einem cleveren Schachzug: aktiven ETFs. Diese verzeichneten im vergangenen Jahr großen Zulauf: Die AuM wuchsen um 68 Prozent (19,45 Milliarden Dollar) auf insgesamt 55,43 Milliarden Dollar. Diese Entwicklung stellt eine Art trojanisches Pferd dar: Fondsmanager verpacken ihre traditionellen Strategien in das beliebte ETF-Format und hoffen, sowohl kostensensible Anleger als auch treue Kunden zu halten. Das Kalkül ist simpel – wenn Investoren ohnehin zu ETFs wechseln, sollen sie zumindest bei den etablierten Anbietern bleiben.
Der Preis des Erfolgs: Margendruck als neue Realität
Der Siegeszug passiver Produkte hinterlässt tiefe Spuren in den Gewinnmargen der Branche. Während das verwaltete Vermögen in passive Strategien explodiert, steigen die Gebühreneinnahmen deutlich langsamer. Bei der DWS beispielsweise kletterten die Gebühreneinnahmen aus dem Passiv-Bereich lediglich um fünf Prozentpunkte auf 19 Prozent, obwohl der Vermögensanteil um zehn Prozentpunkte zunahm.
Dieser Margendruck erfasst die gesamte Industrie. Selbst Marktführer BlackRock, dessen passive Sparte bereits zwei Drittel des verwalteten Vermögens ausmacht, sieht sich gezwungen, innovative Wege zu finden, um Profitabilität zu erhalten. Die Antwort liegt oft in Skaleneffekten und operativer Effizienz.
Ein Blick in die Zukunft: Konsolidierung und Spezialisierung
Prognosen sehen den europäischen ETF-Markt auf einem Wachstumskurs von jährlich mehr als 10 Prozent über die nächsten fünf Jahre, mit einem erwarteten Volumen von 4,5 Billionen US-Dollar bis 2030. Diese Aussichten verschärfen den Wettbewerb weiter und werden kleinere Anbieter zunehmend unter Druck setzen.
Die Zukunft gehört vermutlich Anbietern, die drei kritische Fähigkeiten beherrschen: erstklassige Technologie für operative Effizienz, differenzierte Produktpaletten jenseits der Commodity-ETFs und die Fähigkeit, sowohl passive als auch aktive Strategien unter einem Dach zu vereinen.
Fazit: Evolution statt Revolution
Der Aufstieg passiver Investments stellt weniger eine Revolution als vielmehr eine natürliche Evolution der Finanzmärkte dar. Anleger werden sophistizierter, kostenbewusster und Transparenz-orientierter. Die erfolgreichen Asset-Manager der Zukunft werden diejenigen sein, die diese Trends nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen.
Die traditionelle Fondsbranche stirbt nicht – sie transformiert sich. Aktive ETFs, innovative Indexstrategien und spezialisierte Nischenlösungen zeigen Wege auf, wie sich Qualität und Kosteneffizienz miteinander verbinden lassen. Am Ende profitieren die Anleger von dieser Entwicklung: mehr Transparenz, höhere Renditen und eine breitere Produktpalette denn je. (Bernhard Führer, 12.8.25)

