Warum Anleger immer wieder an das schnelle Geld glauben
Erschienen im Standard, im Oktober 2025
Erfolg in der Wirtschaft hat selten etwas mit Magie zu tun – und doch hält sich in Europa der Glaube an finanzielle “Ausnahmetalente” hartnäckig. Von René Benko, Wienwert über Lex Greensill bis zu Wirecard: Immer wieder gelingt es Einzelnen, Investoren, Banken und ganze Aufsichtssysteme in ihren Bann zu ziehen. Die Muster ähneln sich: glänzende Versprechen, komplexe Strukturen, und am Ende bleibt die schlichte Erkenntnis, dass Risikoblindheit teuer ist.
Die Versuchung des garantierten Gewinns
In der Finanzwelt gilt eine simple Regel: Wer außergewöhnliche Renditen (sprich eine hohe Verzinsung) zusichert, verschweigt meist das außergewöhnliche Risiko. Dennoch wiederholt sich ein Muster mit erschreckender Regelmäßigkeit – von Wirecard über Signa bis zu dubiosen Bankprodukten fallen Anleger auf Narrative herein, die bei näherer Betrachtung zu schön erscheinen, um wahr zu sein.
Theoretisch wissen es die meisten: Hohe Renditen ohne Risiko gibt es nicht. In der Praxis aber setzen Anleger dieses Wissen allzu oft außer Kraft. Jüngstes Beispiel: Hunderte Kund:innen der UBS verloren teils mehrere hunderttausend Franken mit Dollar-basierten Finanzderivaten. Produkte, die ihnen als beinahe risikolos verkauft wurden – eine bequeme Möglichkeit, “etwas Cash dazuzuverdienen”. Als der Dollar dann einbrach, folgte der Schock. Was hier sichtbar wird, ist weniger ein Einzelfall als ein Symptom.
Selbst erfahrene Investoren lassen sich vom Versprechen stabiler Gewinne verführen – und zwar nicht aus Unwissenheit, sondern aus Selbstüberschätzung. Eine Studie der Finanzaufsicht FINRA zeigt: 64 Prozent der Anleger schätzen ihr Investmentwissen als hoch ein, doch die Realität sieht anders aus. Ausgerechnet jene mit dem größten Selbstvertrauen schnitten in einem Wissenstest am schlechtesten ab. Dieses psychologische Missverhältnis zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Kompetenz ist gefährlicher als jegliche Marktschwankungen an den Finanzmärkten und mitverantwortlich dafür, warum Anleger schlechter Erfahrungen machen bzw. unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielen.
Das Grundproblem: Systematische Selbstüberschätzung
Die Verhaltensökonomie hat längst nachgewiesen, was die Praxis immer wieder bestätigt: Anleger überschätzen systematisch ihr Finanzwissen und ihre Fähigkeit, Risiken einzuschätzen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman demonstrierte in seiner Prospect Theory, dass Menschen geringe Wahrscheinlichkeiten – etwa einen Lottogewinn – regelmäßig überbewerten, während sie wahrscheinlichere Risiken wie Markteinbrüche unterschätzen oder ausblenden. Diese Fehleinschätzung führt dazu, dass Investoren potenzielle Risiken systematisch unterschätzen.
Diese kognitive Verzerrung betrifft keineswegs nur unerfahrene Privatanleger. Auch Fachleute neigen dazu, die Genauigkeit ihrer Urteile zu überschätzen – professionelle Investoren und Banken unterliegen diesen psychologischen Mechanismen ebenso, wie die jüngere Finanzgeschichte eindrücklich belegt. Gerade dort zeigt sich, wie gefährlich Selbstüberschätzung werden kann, wenn sie auf charismatische Persönlichkeiten trifft, die Vertrauen wecken und Kritik dämpfen.
In der europäischen Wirtschaftsgeschichte wiederholt sich das Muster des “charismatischen Unternehmers”, dem alles gelingt – bis das Kartenhaus einstürzt. René Benko ist das Paradebeispiel: ein Schulabbrecher aus Innsbruck, der binnen weniger Jahre zum Immobilienmagnaten aufstieg, flankiert von Luxus, Prominenz und Inszenierung. Seine Signa-Gruppe galt als Symbol für visionäres Unternehmertum, bis 2023 die Finanzierungskulisse kollabierte. Benko war kein Einzelfall und einige Jahre zuvor ging Cevdet Caner nach einem ähnlichen System vor. Die Lehren aus früheren Fällen wie Caner? Benko führte vor Augen, dass sie offenbar nicht gezogen wurden. Auch bei Wirecard, Greensill oder Wienwert vertrauten Banken, Fonds und Privatvermögende auf Menschen, nicht auf Zahlen. Die Faszination für Erfolgsgeschichten ersetzt in solchen Fällen häufig die Analyse von Bilanzen. Studien zeigen, dass Anleger und Investoren bei charismatischen CEOs eine veränderte Risikobereitschaft zeigen – unabhängig von objektiven Unternehmensdaten. Psychologisch nachvollziehbar, ökonomisch jedoch fatal.
Europa und die Sehnsucht nach Stabilität
Vielleicht ist diese Naivität auch Ausdruck einer europäischen Mentalität. Nach Jahren ultraniedriger Zinsen und Inflationsängsten suchen viele Anleger nach vermeintlich sicheren Ertragsquellen. Das schafft einen fruchtbaren Boden für jene, die Stabilität versprechen – ob in Immobilien, Fonds oder Kryptowährungen.
Laut der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) stiegen die Nominalbeträge von Rohstoff-Derivaten im EU-Raum zwischen Ende 2020 und Ende 2022 um 65 Prozent – von rund zwei Billionen Euro auf 3,3 Billionen Euro. Dies ist nur ein Indikator für die wachsende Komplexität im Finanzmarkt.
Das eigentliche Problem liegt nicht in mangelnder Regulierung dieser Finanzprodukte, sondern im Verhalten selbst. Die Komplexität und Intransparenz vieler Wertpapiere nehmen zu, während gleichzeitig die Bereitschaft sinkt, diese kritisch zu hinterfragen. Jede neue Finanzkrise zeigt: Regeln sind nutzlos, wenn sie von denen ignoriert werden, die sich für unfehlbar halten. Die Verantwortung liegt letztlich bei den Anlegern selbst – unabhängig davon, ob sie Privatpersonen oder professionelle Investoren sind.
Die wahre Konstante: Arbeit statt Wunder
Der US-Investor Warren Buffett, ein erklärter Gegner des schnellen Geldes, bringt es seit Jahrzehnten auf den Punkt: verstehen, was man hat und worin man anlegt – und Geduld haben. Das mag altmodisch klingen, ist aber nachweislich wirksamer als jede kurzfristige Spekulation. Vor jeder Anlageentscheidung lohnt es sich zudem, innezuhalten und eine einfache Frage zu stellen: Klingt diese Geschichte zu gut, um wahr zu sein? Falls ja, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie es auch ist.
Weder die Empfehlung eines Beraters noch die Tatsache, dass Bekannte bereits investiert haben, ersetzt die eigene gründliche Prüfung. Dabei gilt es, sich in Erinnerung zu rufen, dass echte Ausnahmetalente in der Wirtschaft rar gesät sind. Wer unrealistische Erwartungen schürt, setzt meist auf die Hoffnung, dass kritische Fragen unterbleiben – die Fassade soll glänzen und die Renditeversprechen verlocken. Die meisten, die sich als solche “Ausnahmetalente” inszenieren, leben vom Glanz der Illusion – bis die Realität den Vorhang hebt. (Bernhard Führer, 28.10.2025)

