Warum die Sparzinsen schon wieder sinken

Die Zinswende hat begonnen – doch während Kreditnehmer auf Entlastung warten, schrumpfen die Erträge auf dem Sparbuch erneut.

Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu – nur umgekehrt. Vor einem Jahr war von steigenden Sparzinsen die Rede, während Kredite spürbar teurer wurden. Jetzt ist die Zinswende da, und diesmal trifft sie vor allem die Sparer:innen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juni erstmals seit zwei Jahren den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Was als vorsichtiger Schritt Richtung Normalisierung gedacht war, zeigt auf den Konten rasch Wirkung: Die Zinsen für Sparprodukte gehen nach unten, während Kreditkosten hoch bleiben.

Der Leitzins als Taktgeber

Der Leitzins ist das zentrale Steuerungsinstrument der EZB, um die Inflation zu beeinflussen. Nachdem sich die Teuerung im Euroraum zuletzt deutlich abgeschwächt hatte – im Oktober 2024 lag sie laut Eurostat bei 2,9 Prozent, nach über 10 Prozent im Herbst 2022 – sah sich die Notenbank in der Lage, die Zinsschraube leicht zu lockern. Robert Holzmann, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), stimmte als einziger gegen die Senkung. Sein Argument: Die Risiken eines zu frühen Kurswechsels überwiegen den Nutzen.

Tatsächlich blieb es bei einem einmaligen Schritt – im Juli und September beließ die EZB die Zinsen unverändert. Ein Signal, dass sich die Zentralbank Spielraum bewahren will. Trotzdem reagieren Banken prompt – vor allem beim Sparen.

Sparzinsen im Sinkflug

Die OeNB-Daten zeigen den Trend klar: Der durchschnittliche Zinssatz für täglich fällige Online-Sparprodukte sank von 1,376 Prozent Ende Mai auf 1,301 Prozent Ende Juli. Die besten Angebote gingen im selben Zeitraum von drei auf 2,75 Prozent zurück. Der Rückgang mag moderat wirken, signalisiert aber, dass Institute schneller beim Senken als beim Anheben sind.

Auch über Österreich hinaus zeigt sich das Bild: Laut einer Analyse haben acht Prozent von 765 deutschen Banken ihre Tagesgeldzinsen nach der Zinswende bereits gesenkt. Kreditzinsen hingegen blieben weitgehend stabil – insbesondere bei Baufinanzierungen.

Kreditmarkt: leichte Belebung, keine Entspannung

Bei Wohnbaufinanzierungen registriert die OeNB erste Anzeichen einer Erholung. Nach einem historischen Tief im Vorjahr zog die Nachfrage im ersten Quartal 2025 leicht an, blieb im zweiten jedoch stabil. Für das dritte Quartal erwarten die befragten Banken einen weiteren Anstieg. Gründe dafür sind steigende Realeinkommen und leicht sinkende Finanzierungskosten.

Die Hoffnung auf ein Comeback der billigen Kredite ist allerdings verfrüht. Eine expansive Kreditvergabe wie in den Jahren bis 2022 sei „auf absehbare Zeit nicht zu erwarten“, so die OeNB. Zu hoch bleiben die regulatorischen Hürden – etwa durch die sogenannte KIM-Verordnung, die Eigenmittelquoten und Rückzahlungsraten bei Wohnkrediten begrenzt. Während Banken eine Lockerung fordern, hält die Finanzmarktaufsicht (FMA) bislang an den Regeln fest. Mit einer neuen FMA-Führung könnte sich das ändern, sicher ist das aber nicht.

Alternative Anlagen werden attraktiver

Für viele bleibt der Traum vom eigenen Zuhause damit in weiter Ferne. Und wer stattdessen spart, sieht sich mit schwindenden Erträgen konfrontiert. Die klassische Spareinlage – über Jahrzehnte die österreichische Lieblingsanlage – verliert erneut an Reiz.

Laut einer Umfrage Herbst 2024 halten 42 Prozent der Österreicher:innen weiterhin ihr Erspartes auf dem Giro- oder Sparkonto, obwohl die reale Rendite durch Inflation negativ bleibt. Zugleich steigt das Interesse an alternativen Produkten wie Staatsanleihen, ETFs oder nachhaltigen Fonds. Die Kapitalmärkte haben sich nach der Zinssenkung stabil gezeigt – und könnten künftig wieder an Attraktivität gewinnen.

Fazit: Die Rückkehr zur Normalität – mit Nebenwirkungen

Die Zinswende ist ein Balanceakt. Die EZB versucht, die Wirtschaft zu stützen, ohne eine neue Inflationswelle loszutreten. Für Sparer:innen bedeutet das: weniger Ertrag auf Guthaben, während Kreditnehmer nur langsam aufatmen können.

Was nach Entspannung klingt, ist also vor allem eines – die Rückkehr zur geldpolitischen Normalität. Doch nach Jahren des Nullzinses und der Inflation ist selbst das schon eine kleine Revolution.